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Fachwerkhaus sanieren in Eigenleistung – Ein sehr informativer Erfahrungsbericht über die Sanierung eines alten Fachwerkhauses. Jakob Stoffel erzählt über seine Erfahrungen mit Eigenleistungen, Kosten und Bauzeit und verrät was er heute anders machen würde.

Zur Person: Jakob Stoffel hat vor 4,5 Jahren gemeinsam mit seiner Frau ein altes Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert gekauft. Über 3,5 Jahre hat er es Großteiles in Eigenleistung kernsaniert und wieder in Schuss gebracht. Und hat sich so – ganz nebenbei – viel praktische Erfahrung und Wissen angeeignet. Neben dem Hausbau arbeitet er Vollzeit als Berater für fahrerlose Transportsysteme und ist Mitbegründer des Star-Ups Naschlabor.

Fachwerkhaus sanieruen - ein Erfahrungsbericht
Fachwerkhaus von J.Stoffel aus dem 18.Jhd

Wie kamst du zum Fachwerkhaus?

Im Sommer 2015, waren wir mit Blick auf das Ende meines Studiums auf der Suche nach einem gemeinsamen Domizil in meinem Heimartort. Der Mietmarkt war bereits damals sehr angespannt und wir haben quasi keine passende Immobilie gefunden. Stattdessen kamen wir auf erste Angebote für den Kauf eines Hauses. Bei der Besichtigung eines alten Fachwerkhauses, welches sehr Marode war, haben wir gesehen, dass nebenan ebenfalls ein leeres Haus steht und haben uns nach diesem erkundigt. Wir hatten Glück. Das Haus gehörte der Stadt und sollte in den kommenden Monaten versteigert werden.
In einer stillen Auktion haben wir das Haus schlussendlich im Herbst 2015 ersteigert.

Zeit und Geld – was war der Plan und wie die Realität?

Der Plan war zu Beginn, das Nebenhaus (ca. 40qm) auf zwei Ebenen zu renovieren, einzuziehen und im Laufe des Folgejahres dann das Haupthaus (ca. 70qm) zu renovieren und einzuziehen. Da wir das Haus eher als ersten Start und nicht als endgültige „Bleibe“ gekauft hatten, hatten wir uns ein recht knappes Budget von 30.000 € für die Renovierungsarbeiten von 70m² (Haupthaus) + 40 m² (Nebenhaus) gesetzt.

Im Dezember 2015 wurde das Haus an uns überschrieben. Von Mitte Dezember bis Ende Februar habe ich das Nebenhaus inkl. kleinen Bad und Dachdämmung renoviert, sodass wir Ende Februar 2016 einziehen konnten. Anschließend habe ich mich an das Haupthaus gemacht und auch gleich die ersten von vielen Überraschungen erlebt. Schlussendlich dauerte es bis März 2019 das Haupthaus zu 90% fertigzustellen und endlich einzuziehen.

Die Kosten für die Renovierungsarbeiten haben sich zur Ausgangsplanung etwas mehr als verdoppelt. Die Renovierungszeit war mit der dreifachen Länge doch sehr anstrengend.

Anmerkung der Redaktion:

Wie habt ihr euch Wissen und Fähigkeiten angeeignet?

Input haben wir uns durch viel Recherche über unterschiedliche Kanäle angeeignet. Sehr viele gute Tipps haben wir von unserem Zimmermann/ Architekt Jakob Tissen, als auch von einem befreundeten Zimmermann / Architekten erhalten, welcher ebenfalls ein altes Fachwerkhaus in Eigenleistung renoviert hat. Zum Thema Lehm und Verputzarbeiten habe ich einen Lehmbaukurs bei dem Händler Waldemar Eider absolviert.

Ansonsten habe ich mir über die genannten Ansprechpartner und über das Forum fachwerk.de immer wieder unterschiedliche Meinungen eingeholt. Den Aufbau von Wand- und Deckendämmungen habe ich immer mit dem U-Wert Rechner überprüft.

Was sind die Besonderheiten bei einem alten Fachwerkhaus?

Es kommt immer anders als man denkt. Es ist immer alles etwas schief. Wände, Böden und Decken gilt es also immer etwa aus- anzugleichen. Je nachdem welches Material verwendet wird, verliert man hierdurch etwas Platz.

Das Schöne an Fachwerkhäusern ist, dass sie durch die natürlichen Materialien wie Lehm, Strom, Kalk, Holz atmungsaktiv sind. Um dies aufrechtzuerhalten sollte man auch mit den bestehenden Materialien weiterarbeiten. Lehm ist hierbei echt super. Dadurch, dass das Material nur physikalisch und nicht chemisch reagiert ist es das perfekte Material für Heimwerker. Wenn mal etwas schief geht kann man den Lehm wieder Nass machen und nacharbeiten. Die Frauen könnten ihn außerdem gleich auch noch als „Heilerde“-Maske benutzen. 😉

Durch die großen Massen der Materialien besteht weiterhin der Vorteil, dass es in einem Fachwerkhaus auch im Sommer angenehm kühl ist. Die Speichermassen verzögern das Aufheizen des Gebäudes.

Was habt ihr in Eigenleistung gemacht?

Auf Grund des knappen Budgets und unseres Anspruchs an eine nachhaltige und individuelle Gestaltung der Räumlichkeiten haben wir wirklich sehr viel selbst gemacht:

  • Entkernung/ Abriss
  • Ausbau des Dachbodens (Ausgleich des Bodens mit Quersparren, Aufdoppeln des Dachs, Dampfsperre und Trockenbau)
  • Verkleidung und Eindecken von neuen Dachgauben
  • Ausgleich der Böden inkl. Verlegung von Massivholzdielen
  • Innendämmung mit Schilfrohrmatten und Leichtlehmschüttung
  • Verlegung der Strominstallation
  • Verlegung der Heizungs-, Wasser- und Abflussrohre
  • Installation der Sanitäranlagen
  • Eigenbau von Wandheizungen
  • Installation der Heizkörper
  • Innenausbau allgemein
  • Außendämmung einer Fachwerkwand mit Holzweichfaserplatte inkl. Mineralputz
  • Schleifen der alten Eichentreppe
  • Bau einer neuen Treppe ins Dachgeschoss
  • Dämmung aller Fenster mit Hanf

Folgende Themen haben wir extern vergeben, bzw. Unterstützung eingekauft:

  • Fachwerkarbeiten (Einbringung eines neuen Unterzugs zur Stabilisierung und anheben der Decke zum DG, Austausch der gesamten Rückseitigen Fachwerkwand, Einbau von 2 Gauben im Dachgeschoss
  • Dämmung des Dachgeschosses mit Isofloc
  • Teile der Verputz- und Streicharbeiten mit Lehm-, und Kalkputz / -farbe
  • Installation der Heizungsanlage inkl. Verlegung der Gasleitungen
  • Fliesen der Dusche
  • Einbau neuer Holzfenster

Würdest du rückblickende etwas anders machen?

Die große Frage, die ich mir mittlerweile immer versuche zu stellen ist: was spart bzw. kostet es mich, wenn ich es so oder so mache.

  • Bereits zum Start würde ich mehr Zeit in die Finanz- und Zeitplanung investieren und einen detaillierten Plan aller Aufgaben und der verbundenen Kosten erstellen.
  • Außerdem würde ich direkt zu Beginn eine Prüfung der gesamten Substanz durchführen. Insbesondere sollte man alle Stellen, bei denen sich Feuchtigkeit abzeichnet oder vermuten lässt öffnen und den Zustand dahinter überprüfen.
  • Ich würde Container für die Entsorgung von Müll und Bauschutt bestellen. Bei dem Thema Müllentsorgung erlebe ich bei eigentlich allen Bekannten, dass dies immer unterschätzt wird und hier viel Zeit verschwendet wird, welche sich anders sicherlich besser nutzen lässt. Wir haben den Müll mit Schuttwannen mit einer Baupritsche weggefahren.
  • Dann noch das Thema Schilfrohrmatten mit Hanf-Lehm-Schüttung. Dies ist eine sehr, sehr zeitaufwendige Lösung. Hier macht es Sinn, sich nochmals Alternativen wie Holzweichfaserplatten etc. anzuschauen.

Was ratest du Anderen die ein Fachwerkhaus sanieren wollen?

Zusätzlich zu den oben genannten Punkten würde ich raten:

  • Eine Sammlung mit Inspirationen vor Start der Bauarbeiten erstellen.
  • Ein ordentliches Budget für gutes Werkzeug für die Eigenleistungen
  • Das Forum fachwerk.de ist eine gute erste Möglichkeit, um Informationen zu sammeln. Oftmals rutschen die Diskussionen aber in das gegenseitige „profilieren“ der vermeintlichen Experten ab.
  • Erfahrene Experten insbesondere für das Thema Holzbau und Verputzarbeiten (Lehm, Kalkputz) direkt zum Start ins Boot holen.
  • Arbeiten wie das Verlegen von Stromleitungen, Wasser- und Heizungsrohren sind an und für sich eine sehr einfache Sache, welche aber sehr hohe Kosten verursachen.
  • Arbeiten wie Trockenbau oder das Verputzen mit Lehm-, Kalkputz ist sehr arbeitsintensiv, lässt sich aber Vergleichsweise deutlich günstiger „einkaufen“. Wenn möglich würde ich versuchen genau diese Arbeiten nicht selbst zu machen.

Vielen Dank für den sehr interessanten Erfahrungsbericht!

 

Foto: Jakob Stoffel

 
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